Ein Brief aus Kreta

Nachdem wir tausendmal hin und her überlegt haben – manche ängstlich, misstrauisch und verunsichert, andere eher erwartungsvoll und neugierig, machten wir auch dieses Jahr auf Kreta „die Leinen los“ und ließen uns von der Strömung eines neuen Kreta-Intensive- Seminars treiben in neues Insel-Land.

13 Menschen, die in dem geschützten Raum ihrer „Persönlichkeit“ herangewachsen sind zu der Person, die sie heute glauben, zu sein.
Die sehr wohl spürten, dass dieser Raum eigentlich zu eng geworden war, und trotzdem bisher hier Zuflucht in die Sicherheit des Bekannten und Vertrauten suchten.

Die Reise auf Kreta aber folgt einer anderen Richtung: wir wollen mit unserem Innersten, unserem SEIN, in Verbindung treten.
Auch wenn es zunächst Angst macht, die Grenzen des sicheren, gewachsenen „Ichs“ zu dehnen und aufzulösen.

Es braucht jetzt andere Strategien, aber hier gilt es nichts zu beweisen und nirgendwohin zu gelangen.
Dabei kann jeder Weg der Beste sein – 13 verschiedene Wege sind gut, wenn wir sie mit dem besten Willen beschreiten, uns zu dehnen und weiterzuentwickeln.

Das Besondere hierbei: es gibt keine Karte und keine vorgegebenen Wege – keine Autobahnen, aber auch keine Schleichwege oder Abkürzungen.
Jeder sollte in seinem eigenen Rhythmus und seinem eigenen Tempo unterwegs sein.

Unsere erste Aufgabe war also, diesen eigenen inneren Rhythmus wiederzufinden und zu lernen, auf ihn zu hören.
Dies bedeutete, dass einige auf „ihrer Reise“ manchmal schneller unterwegs waren, andere wanderten eher langsam. Manche legten unterwegs einen Halt ein, um nachzudenken, evtl. sogar auch mal umzukehren, bereits Erlebtes und Gehörtes in Frage zu stellen oder an einem Platz zu verweilen, um den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen.
Immer waren wir dennoch als Gemeinschaft unterwegs – haben aufeinander gewartet, uns wieder zusammengefunden und geteilt, was jeder erfahren und erlebt hat, auf seinem persönlichen Weg.

So waren wir in diesen Kreta-Tagen viel „auf Reise“ und bekamen viel geschenkt:

  • ganz alleine unterwegs mit unseren Gedanken, Ängsten und Erlebnissen
  • aufgehoben in kleinen festen „Familiengruppen“, vertraut und in sehr tiefem und berührendem Austausch
  • in zahlreichen Begegnungen, in denen aus Fremden enge Vertraute und liebe Weggefährten wurden
  • auf Entdeckungstour an Stränden, im Meer und im kleinen nahegelegenen Städtchen
  • beim sehr frühen Aufstehen, um den Sonnenaufgang auf der kleinen Kapelle oben auf dem Berg mitzuerleben und gemeinsam zu staunen
  • gemeinsam genießend und lachend in zahlreichen, urwüchsigen kleinen Tavernen (was durchaus auch ohne Alkohol gelang)
  • beim allabendlichen Einfühlen in die „Stimmungslage“ des Tages – es sind wunderbare Kunstwerke entstanden – egal ob es uns am Tag „Umbra“, „Warmgrau“ oder „Rotviolett“ zumute war …
  • und nicht zuletzt auch bei einem Tagesausflug im Boot zur südlichsten Insel Europas, der (ungeplant) für viele zu einer dehnenden Grenzerfahrung wurde und uns genau deswegen auch wieder bereichert hat

Das Kretaseminar hat uns einen Weg vorgeschlagen – es war für alle eine Einladung, einen Weg zu entdecken und ihn zum ganz eigenen Weg zu machen.
Es war eine wunderbare Möglichkeit, diesem Konzept unser Gefühl, diesem Erfahrungsraum unser Erleben und dieser Weisheit unsere Kreativität hinzuzufügen.

Die Entwicklungen, die wir gemacht haben, hingen allesamt weniger von dem Gelände ab, das wir gemeinsam durchwandert haben, wir hatten keine Eile und konnten diese ohne Angst am ersten Tag direkt zurücklassen.
Unsere Wege hatten ihre eigene Zeit, und wenn wir bemerkten, dass wir innehielten um nachzudenken, wussten wir, dass wir genau das Richtige taten.

Wir versuchten, geduldig zu bleiben, nicht nach Ergebnissen zu schielen und der Versuchung zu widerstehen, bei Schwierigkeiten sofort die Richtung zu ändern.

Es ist wie im „echten Leben“: wenn wir auf der Suche nach 10 Kilometern rechts abbiegen, wieder 10 Kilometer gehen, erneut abbiegen, und noch einmal 10 Kilometer gehen und das Gleiche ein viertes Mal tun, werden wir am Ende 40 Kilometer gegangen sein, aber wieder an derselben Stelle stehen, wie am Anfang.

DON´T PUSH THE RIVER…

Unsere Tage auf Kreta waren auf vielfältige Weise ein Fluss, der dahinfloss.
Indem wir uns die Zeit genommen haben, unserer inneren Stimme zuzuhören, haben wir gelernt, den Strom des Wassers klug für uns zu nutzen.
Wer ihn nicht erkennt, und stattdessen gegen die Strömung zu kämpfen beginnt, verschwendet Zeit und Energie.

Die Strömungen unseres Lebens befinden sich oft unerkannt unter der Oberfläche unseres Alltags.
Sie entwickeln sich aus all den Menschen, Aktivitäten und Dingen, die versuchen unsere Aufmerksamkeit, Energie und Zeit für sich zu gewinnen, uns aber nicht darin unterstützen, unseren Sinn im Leben oder unsere Lebensrichtung zu finden.

Der ruhige Strom unseres Lebensflusses hingegen besteht aus Menschen, Aktivitäten und Dingen, die uns in unserer inneren Entwicklung unterstützen und Antworten auf die Frage „was steuere ich an in meinem Leben?“, mitbringen. Wir dürfen diese vorhandene Energie für uns nutzen, es darf auch leicht gehen.

Je mehr Zeit wir in die Auseinandersetzung mit den unterschwelligen Strömungen des Flusses verschwenden, desto weniger Energie und Zeit bleibt uns, um mit dem ruhigen Strom zu schwimmen und uns auch vertrauensvoll vom Leben tragen zu lassen.

Wir haben auf Kreta wieder eine Ahnung vom Unterschied bekommen, zwischen:

 „mit dem Strom zu schwimmen“

und

„sich von der Strömung mitreißen lassen“.

GLÜCK IST DIE RUHE DESJENIGEN, DER SICHER WEISS,
DASS ER SICH AUF DEM RICHTIGEN WEG BEFINDET.

Wir alle sind auf Kreta auch in diesem Jahr wieder ein bisschen weitergewachsen.

Ich persönlich liebe das Gefühl, wachsen zu dürfen. Und wachsen bedeutet, unsere Grenzen immer wieder und immer weiter zu dehnen.
Wie aber kann ich wachsen, wenn ich mich auf das Bekannte und Vertraute beschränke, damit ich mein vertrautes “Ich“ nicht verliere?

Allen Kretareisenden und auch den Lesern meines Newsletters wünsche ich, dass es nicht bei einem einzigen Neuanfang bleibt.
Denn letztlich entwickeln sich Veränderung und Wachstum nicht an einem Ort oder in einem Seminar.
Sie gelingen aus einer inneren Haltung, die aus unserer Bereitschaft entsteht, unsere Glaubenssätze, Prägungen und Einstellungen zum Leben immer wieder neu und mutig in Frage zu stellen.

Und auch das gehört definitiv dazu:

ANATOMIE EINES WUNDERBAREN TAGS

Alles ist gelaufen wie geplant.

Der Wecker hat pünktlich geklingelt.

Es gab Seife in der Dusche und das Wasser war warm.

Der Toast ist nicht verbrannt.

Dein Sohn hat dir einen Kuss gegeben, einfach so.

Du hast einen Sitzplatz im Bus gefunden.

Es hat geregnet, und du hattest einen Schirm dabei.

Du hast eine schöne Frau/Mann gesehen, und sie/er hat deinen Blick erwidert.

Man hat dir gesagt, dass du ein netter Mensch bist.

Du hast keine Gehaltsabzüge gehabt.

Jemand hat die einen neuen Witz erzählt, und er war gut.

Du hast die Schlüssel nicht vergessen.

Dein Hund ist dir zur Begrüßung entgegengelaufen.

Deine Fußballmannschaft hat 2:0 gewonnen.

Ein Freund hat dich zu einer Party eingeladen.

Dein/e Partner/in hat dir dein Lieblingsessen gekocht und dir nach dem Essen gesagt, dass sie/er Lust hat, mit dir zu schlafen.

So wurden dir an einem einzigen Tag alle sogenannten Freuden des Lebens zu Füßen gelegt.

„Reicht dir das um glücklich zu sein?“ fragte der Mond.

Du sahst ihn an, lächeltest ein wenig, und sagtest dann leise:

„Nein…Aber es hilft mir dabei, weiter meinen Weg zu gehen.“

(nach J. Bucay)

Ich grüße euch herzlich von meiner „Wachstumsinsel“ Kreta,

die mich auch in diesem Jahr wieder reich beschenkt hat,

Brigitte

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