Ein Brief aus Kreta:

Die Muschel in meiner Hand ist verlassen. Sie ist einmal eine Behausung, ein Schutz gewesen.
Ich drehe die schneckenförmige Muschel in meiner Hand und schaue in die weit geöffnete Tür, durch die sie ihr einstiger Bewohner verlassen hat:

  • war sie ihm zum Gefängnis geworden?
  • weshalb ist er fortgelaufen?
  • hatte er gehofft ein besseres Haus mit besseren Lebensbedingungen zu finden?

10 Tage KRETA – das Seminar 2019 ist zu Ende – und auch die Teilnehmer, die dieses Seminarbesucht haben, haben für diese Zeit die Muschel, die ihr alltägliches Leben bedeutet, verlassen.

Diese Muschel hier vor mir am Strand ist unkompliziert. In ihrer Einfachheit ist sie schön, bis ins kleinste Detail. Ihre bräunliche Farbe erhielt durch das Salz des Meeres einen weißen Schimmer. Unsere „Muschelbehausungen“ daheim haben wenig Ähnlichkeit mit dieser – wie überladen und unübersichtlich sind sie im Laufe der Jahre geworden. Überwachsen und überkrustet kann man ihre ursprüngliche Form kaum mehr erkennen.

Gewiss – einmal hatten sie alle eine Form, und in unserer Vorstellung existiert diese Form noch:

Was also ist die Form unseres Lebens? Wer sind wir wirklich und richten wir unser Leben dementsprechend aus?…

„Wahre Freiheit“ – darüber nachzudenken, in sie hinein zu spüren und vielleicht auch in kleinen Teilen Freiheit wieder zu erleben – das war die Ausrichtung des diesjährigen Seminars auf Kreta.

Unsere Zimmer im Seminarzentrum glichen eher einer ursprünglichen „Muschelbehausung“. Hier brauchen wir wenig – keinen Schrank voller Kleider oder komplizierte technische Anlagen. Wir stellen fest, wie sehr die einfache Struktur entlastet und befreit – und Raum entstehen lässt zum Spüren und Fühlen.

Das viele Kümmern und Sorgen um all die Dinge in unserem Leben trennt uns davon, uns selbst wahrzunehmen.

In der Gemeinschaft der Gruppe wird es immer gleichgültiger, welchen Eindruck ich auf die anderen mache.

Anstelle darauf Zeit und Energie zu verschwenden, beginnen wir ehrliche und interessierte Gespräche untereinander zu führen – und fühlen uns angenehm bereichert und angefüllt, statt ausgehöhlt und erschöpft, wie es im Alltag im Kontakt mit anderen oft geschieht.

Wir beginnen unser vereinfachtes Leben im „Muschelhaus“ zu schätzen – am liebsten würden wir es nach Hause mitnehmen. Aber das geht nicht, es ist zu klein für unser ganzes Leben mit Familie, Beruf und dem ganzen Drum und Dran des Alltags. Aber ich kann diese Muschel mitnehmen. Sie kann auf meinem Tisch zuhause liegen und mich erinnern und ermutigen. Sie wird mich unterstützen zu fragen, was ich weglassen kann,und nicht was mir noch fehlen könnte.

„Ist das notwendig“ wird sie mich fragen, wenn ich versucht bin, meinem Leben eine neue Belastung aufzupacken!

Diese Muschel berührt zunächst nur unsere „Außenseite“. Aber wir beginnen mit der äußeren Hülle unseres Lebens, um zu begreifen, was es für ein Leben in mehr Freiheit wirklich braucht. Wir beginnen zu ahnen, dass es die vielen Abhängigkeiten in unserem Leben sind, die unsere „wahre Freiheit“ verhindern.

Und nicht nur die äußeren Abhängigkeiten – sie weisen uns lediglich den Weg in die richtige Richtung.
Die Antwort werden wir in unserem Innern finden – aber die Muschel hat uns auf unsere Reise geschickt!

Um unsere Abhängigkeiten zu begreifen, lohnt es sich darüber nachzudenken, auf welche Weise wir uns zu „Gefangenen“ machen.

Welchen Sinn und welche Bedeutung messen wir der Tatsache bei, dass wir uns von anderen Menschen und Dingen im Leben abhängig machen.

Und warum machen wir uns nicht „von uns Selbst abhängig“ – was bedeutet „Selbstabhängigkeit“?
Die Antwort darauf beginnt mit der Frage nach dem „Selbst“, von dem ich mich abhängig machen will: wer bin ich?

Wenn wir geboren werden, sind wir alle Angehörige der Gattung Mensch und als solche alle gleich. Beim Heranwachsen tritt dann zutage, was wir an Informationen in uns tragen: unsere Stärken & Schwächen, unsere Art & Weise das Leben anzugehen – unser Temperament.

Dieses Temperament macht dann mit wachsender Lebenserfahrung aufgrund unserer persönlichen Lebensgeschichte das Individuum aus, das jeder von uns einmal wird. Aber es genügt nicht zu einem Individuum heranzureifen, um eine Persönlichkeit zu werden.

Eine Persönlichkeit zu sein beinhaltet mehr: es ist eine Entwicklung, und wie C. Rogers einmal sagte: „…der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung ist schmerzhaft. Er bedeutet, auf manches zu verzichten, einiges zu lernen und sehr viel persönliche Arbeit an sich Selbst.“

In den Tagen auf Kreta haben wir uns darin geübt, die Verantwortung für unser Leben bewusst zu übernehmen, Sorge für uns zu tragen und uns selbst wieder mehr in den Blick zu bringen.

Um selbstabhängig zu werden, müssen wir uns als Mittelpunkt all dessen begreifen, was uns passiert!
Und so haben wir während des Seminars an unserer Persönlichkeitsentwicklung gearbeitet:

  • während jeder für einen langen Tag seinen ganz eigenen Weg allein durch die Natur der Südwestküste suchte
  • beim gemeinsamen Durchwachen einer Nacht unter dem herrlichen Sternenhimmel Kretas
  • an den sehr persönlichen „Kraftplätzen“, die jeder Teilnehmer für sich entdeckte
  • über all die Übungen im Seminarraum und die Gespräche zu zweit oder in der großen Runde
  • beim Bootsausflug zu einem abgelegenen Strand am äußersten Zipfel der Küste

Und die Insel hat sich dabei alle Mühe gegeben uns mit ihren 4 Naturelementen aufs Beste in unserem Prozess zu unterstützen:

Wir wurden durch den Tag getragen von der intensiven, wärmenden Sonne (Feuer), das nahe Meer hat uns geholfen viel Altes loszulassen und von uns abzuspülen (Wasser); rechtzeitig während unserer intensivsten Auseinandersetzung mit uns selbst kam für zwei Tage ein sturmartiger Wind auf, der uns über diese Zeit hinweg begleitete und immer wieder durchpustete, sodass es am Ende leicht gelang loszulassen und das Kämpfen zu beenden (Luft); und immer waren wir gut aufgehoben auf unserer kleinen „Seminarinsel“ in den Olivenhängen bei Anidri (Erde).

So haben wir erkannt, dass die Herausbildung einer eigenen Persönlichkeit der einzige Weg zu einem selbstbestimmten, selbstabhängigen Leben ist. Denn erst als Persönlichkeit werde ich mir wirklich die Freiheit zugestehen, der/die zu sein, der/die ich bin; wirklich so zu handeln, wie ich handeln will und zu fühlen, wie ich wirklich gerade fühle.

Um den Weg der Selbstabhängigkeit zu gehen, braucht es:

  • die Liebe zu mir selbst
  • die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit mir selbst (Selbsterkenntnis)
  • eine freundliche, achtsame Haltung mir selbst gegenüber (nur so lerne ich „auf eine bessere Weise ich selbst zu sein“)
  • meine Ressourcen ( d.h. mein gesamtes bisheriges Leben anzuerkennen als das, was mich zu dem Mensch gemacht hat, der ich heute bin –> erst dann kann ich meine „Lebenserfahrungen“ für mich nutzen)
  • die Fähigkeit, innerhalb des mir Möglichen eine Entscheidung zu treffen und die Verantwortung für diese Entscheidung zu übernehmen

Das ist es, was ein Leben in „wahrer Freiheit“ möglich macht.

Und erst wenn ich mich auf mich selbst besonnen habe, wenn ich weiß, dass ich mich und meine abhängigen Teile selbst kümmern muss, erst dann kann ich mich auf die Suche nach dem Anderen machen.

Denn natürlich verpflichtet mich meine Selbstabhängigkeit dazu, auch deine Selbstbestimmung und die aller anderen zu respektieren.

Kreta wählte in vieler Hinsicht besser für mich, als ich für mich zuhause wähle.

– Werde ich, wenn ich zurück bin, wieder von meinen vielen Abhängigkeiten erdrückt werden?
– Von der Ablenkung und Zerstreuung, wo es eigentlich etwas für mich „zu lernen“ gibt?
– Vom Wunsch nach Anerkennung für meine Person und mein Tun?

Die Vielfältigkeit der Welt wird wieder mit ihrer Geschäftigkeit und ihren “Wertebegriffen“ über mir zusammenschlagen: Quantität statt Qualität, Tempo statt Ruhe; Lärm statt Stille; Besitz statt Schönheit.

Wie werde ich diesem Ansturm widerstehen, wie bleibe ich gesammelt und zentriert gegen den Druck und das Zerren von Außen?

Ich möchte die natürliche Auslese, die Kreta für mich getroffen hat, durch eine bewusste, auf neuen Wertmaßstäben basierenden Auslese ersetzen; Wertmaßstäben, die ich hier für mich entdeckt habe.

Kreta-Richtlinien könnte ich sie nennen. Wegweiser zu einem selbstbestimmteren, freieren Leben:

  • weitgehende Vereinfachung und Entschleunigung des Lebens, um ein Gefühl dafür zu bewahren
  • Gleichgewicht meiner physischen, geistigen und seelischen Anteile
  • Arbeiten, ohne mir Druck durch Abhängigkeiten zu machen
  • mehr Raum für Wesentliches und Schönes schaffen
  • Zeit für Einsamkeit UND Gemeinsamkeit
  • meine Verbindung zur Natur pflegen
  • Stärkung meines schöpferischen Potentials

Hier auf Kreta waren wir uns der Spontaneität des Heute, der Lebendigkeit des Hier, der Kostbarkeit unserer eigenen Persönlichkeit und der besonderen Einzigartigkeit eines jeden Gruppenmitglieds bewusster.

Kreta war eine Linse, durch die ich auch mein Leben zuhause betrachten konnte.

Ich möchte diese Linse mitnehmen, wenn ich fortgehe. Nach und nach wird meine Kreta-Sicht verblassen und ich nehme mir vor, die Dinge weiterhin mit Kreta-Augen zu sehen.

Meine Muschel wird mich erinnern. Sie wird meine Kreta-Linse sein!

Die innere Reise geht auch nach Kreta weiter. Unser Prozess der Persönlichkeitsentwicklung ist erst mit dem Tag abgeschlossen sein, an dem ich sterbe.
Bis dahin kann ich immer weiterwachsen und mir meiner Selbst bewusster werden:

ich lebe & lerne, ich lebe & reife, ich lebe & wachse.

Es ist mir mittlerweile ein liebgewonnenes Ritual geworden, den jährlichen Kreta-Brief noch in den letzten Insel-Tagen vom Strand aus zu schreiben.
Noch ganz unter dem Eindruck der Tage des Seminars, die hinter mir liegen, und eingehüllt in das sanfte Rauschen der Wellen vor mir, fasse ich zusammen:

„Wahre Freiheit“ bedeutet, meinen Weg zu gehen; um meiner Selbstwillen den Gipfel des Berges zu erreichen, den zu besteigen ich mich entschieden habe.

Oder, um es in den Worten von Lima Quintana zu sagen:

Das ist meine Herausforderung. Meine Herausforderung, für die ich mich entschieden habe. Denn ich habe diesen Gipfel gewählt. Niemand sonst hat es für mich getan.

Ich grüße euch alle herzlichst aus Kreta und freue mich auf alle, deren Reise weitergeht und die ich ein Stück begleiten darf,

Brigitte

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