In meinen letzten Briefen habe ich viel geschrieben über die Suche nach Vereinfachung, nach innerer Integrität und nach einer vollständigeren Beziehung.

Zu Recht stellt sich die Frage:  Ist das in der heutigen Zeit nicht ein zu egoistischer, enger Ausblick?

Die Menschheit heute steht ziemlich unvorbereitet vor der Tatsache, dass ihr Lebensraum der ganze Erdball ist. Die Welt um uns rumort in Eruptionen, die immer weitere Kreise ziehen.  Die Spannungen, Konflikte und Leiden (selbst der äußersten Kreise) berühren uns alle und schwingen in jedem von uns nach.

Wir können uns diesen Erschütterungen nicht entziehen, aber wieweit können wir diesem „planetarischen“ Bewusstsein Rechenschaft tragen?

Wir verlangen von uns, dass wir mit allen Geschöpfen der Erde Mitgefühl haben, dass wir alle Informationen, die uns heute erreichen, verstandesmäßig verarbeiten und jedem Impuls unseres Herzens und unseres Verstandes durch eine Tat Ausdruck verleihen.

Die Zusammenhänge im Weltgefüge verbinden uns mit mehr Menschen, als unser Herz fassen kann. Mein Leben reicht nicht aus, all den Menschen zu helfen, die an mein Herz appellieren.Ich kann ihnen nicht allen eine Mutter sein oder für sie sorgen, wie ich für meine Familie sorge. Unsere Großmütter und sogar – mit einiger Anstrengung – unsere Mütter lebten in einem Kreis, der klein genug war, ihnen zu erlauben, die meisten ihrer seelischen und Herzensregungen in die Tat umzusetzen.

Wir sind in einer Überlieferung erzogen worden, die wir heute nicht mehr erfüllen können, denn unser Radius reicht ins Unendliche.

Was können wir angesichts dieses Dilemmas tun?
Wir sind zu Kompromissen gezwungen – die unerträgliche Last, die wir uns aufgebürdet haben, hat einen Fluchtreflex ausgelöst.

Das Heute lassen wir am Weg stehen bei der Jagd nach dem Morgen.
Das Hier wird zugunsten des Dort vernachlässigt.
Das Individuum und seine Beziehungen verschwindet in der Masse.

Können wir aber für einen so abstrakten Begriff, den wir Masse nennen, ein wirklich tiefes Gefühl aufbringen?
Können wir die Zukunft zum Ersatz für die Gegenwart machen? Uns wer garantiert uns, dass diese Zukunft besser sein wird, wenn wir die Gegenwart vernachlässigen?
Können wir Weltprobleme lösen, wenn wir unfähig sind, die eigenen zu lösen?
Wohin hat uns dieser Prozess geführt, waren wir erfolgreich, indem wir an der Peripherie gearbeitet haben statt im Zentrum?

Mir liegen das Hier, das Heute und das Individuum (gerade auch in meiner Arbeit) besonders am Herzen.

In meinem kleinen häuslichen Kreis bin ich mir der Einzigartigkeit eines jeden Familienmitgliedes, der Spontaneität des Heute, der Lebendigkeit des Hier immer bewusst.
Dies sind die individuellen Elemente, aus welchen die größeren Einheiten wie Masse, Zukunft und Welt entstehen.

Wir können diese Elemente vielleicht vernachlässigen, wir können aber nicht auf sie verzichten. Sie sind der Tropfen, aus denen der Strom entsteht.
Sie sind die Essenz des Lebens.

Vielleicht ist es in der jetzigen Zeit gerade unsere Aufgabe, diese vernachlässigten Wirklichkeiten wieder zu betonen. Nicht um uns größeren Verantwortungen zu entziehen, sondern um einen ersten Schritt zu tieferem Verständnis und einer Lösung zu tun.

Wenn wir damit bei uns selbst beginnen, entdecken wir etwas Wesentliches, das bis an die Peripherie des Kreises reicht.
Wir finden wieder etwas von der Freude am Heute, vom Frieden im Hier, von der Liebe in mir und dir.

In diesem Sinne möchte ich alle Interessierten einladen, immer wieder bei sich selbst zu beginnen auf dem Weg zu größeren Zielen.
In meinen Seminaren nehmen wir uns Zeit für das Hier, das Heute, das Individuum  und seine Beziehungen – wir suchen bewusst die Vereinfachung.

Dies gilt ganz besonders für das jährliche Auslandsseminar auf Kreta, das ich heute allen ans Herz legen möchte, die eine intensivere Auseinandersetzung mit sich suchen und dabei die Leichtigkeit, die Fülle und die Freude des Lebens nicht aus den Augen verlieren möchten.
Geduld und  Bereitsein, das ist es, was uns das Meer und die Insel Kreta jedes Jahr aufs neue lehrt: Einfachheit, Allein-Sein und steter Wandel…

…in Verbundenheit,

Brigitte

Frühjahr 2017

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