„… wenn eine Website länger als 12 Sekunden lädt, verlassen 9 von 10 Usern diese wieder.“

Die Definition von „zu lange“:  alles, was länger dauert als 12 Sekunden!?…

Wir sind in einer Kultur der Eile und mangelnden Geduld gefangen. Wir leben im ständigen Zustand der Überstimulierung und Hyperaktivität, der uns daran hindert, uns zu freuen und das Leben zu genießen.
Die Leichtigkeit, mit der wir Zugang zu Information haben, mit der wir einfach den Wasserhahn aufdrehen oder gleich um die Ecke und fast jederzeit alles einkaufen können, hat uns den Blick für den Wert der Dinge verlieren lassen.

Die Eile ist die Herrscherin in unseren Städten, auch wenn das Einzige, über das sie wirklich Macht ausübt, der Mensch selbst ist.

Wir sind es, die rennen; die Straßen und Wege sind immer da, Gebäude und Parks bewegen sich nicht; Aufzüge und Rolltreppen fahren mit gleichbleibender Geschwindigkeit auf und ab, ohne sich um unsere Eile zu scheren. Die Ansprüche der Ungeduldigen mit ihrer niedrigen Frustrationstoleranz und ihren kurzlebigen Vorlieben bestimmen Angebot und Nachfragebei fast jedem Produkt in der Welt unserer Konsumgesellschaft.

Schnell und unkompliziert ist nahezu überall das beste Verkaufsargument: Schnelles Essen, schnelle Lektüre, schneller Sex – es gibt 2- Minutenreis, Sofortkredite, Instantkaffee, Fertigsuppen und Expresskassen.

Der in der Werbung versprochene sofortige Erfolg garantiert, dass wir keine Geduld brauchen – Warten überflüssig! Obwohl es so offensichtlich klingt, fällt es uns nach wie vor schwer zu akzeptieren, dass unser Leben nicht ins Chaos stürzt, wenn wir uns weniger eilen; dass es möglich ist, besser zu leben, wenn wir weniger tun.

Beginnen wir wieder zu lernen, Nichts zu tun – die Aufgabe klingt einfach, braucht aber unsere ganze Aufmerksamkeit und viel Hingabe! Du kannst direkt damit beginnen, indem du die Gelegenheiten nutzt, die dir dein alltägliches Leben bietet:

Entscheide dich beispielsweise bewusst und aus freien Stücken, nichts zu tun, während du beim Arzt wartest, an der Bushaltestelle oder in der Warteschlange an der Kasse. Wenn du warten musst, tue einfach nichts – fange nicht an auf dein Handy zu schauen, Nachrichten zu beantworten und gehe noch nicht mal gedanklich die Liste der noch zu erledigenden Dinge durch.

Wenn du warten musst, warte, und nichts anderes. Es mag dir unwichtig erscheinen, aber das ist es nicht.

Wenn du dies eine Weile praktizierst, wirst du mit der Zeit entdecken, dass du diese Freiräume finden und sie sogar vorausplanen kannst. Dank dieser Übung lernst du zu Beispiel, für einen bestimmten Zeitraum (ein paar Stunden, einen Nachmittag, ein Wochenende) alle Termine abzusagen.

  • Du lernst, anderen freundlich mitzuteilen, dass du nicht zu sprechen bist, und ihnen klarzumachen, dass sie sich nur im absoluten Notfall an dich wenden sollen.
  • Du findest oder schaffst dir den idealen Ort, an den du dich zurückziehen kannst, wenn du  ein Bedürfnis danach hast.
  • Du entwickelst den Mut, hin und wieder das Telefon auszustöpseln, den Computer auszuschalten, das Handy lautlos zu stellen.

Es ist schwer zu begreifen, warum es uns so schwer fällt, uns einzugestehen, dass die Welt nicht untergeht, wenn wir für ein paar Stunden oder Tage nicht erreichbar sind.

Und mache dir klar, dass Nichts-tun nicht bedeutet, dass du verantwortungslos bist. Diese Aufgabe des Nichts-Tuns ist notwendig, um weiter deinen Weg gehen zu können:

  • um etwas zu tun, wenn du es so entscheidest
  • oder um nichts zu tun, wenn du es so willst.

In unserer erfolgsorientierten Gesellschaft spüren die meisten Menschen nicht mehr, wie unterernährt unser „Selbst“ eigentlich ist.

Abschließend möchte ich mit einem kleinen Auszug aus dem „Kleinen Prinzen“, mit dem ich wieder auf den Anfang dieses Briefes bezugnehme:

„Guten Tag“, sagte der kleine Prinz.
„Guten Tag“, sagte der Händler.
Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen.
Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken.
„Warum verkaufst du das?“, sagte der kleine Prinz.
„Das ist eine große Zeitersparnis“, sagte der Händler.“
Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart 53 Minuten in der Woche.“
„Und was macht man mit diesen 53 Minuten?“
„Man macht damit, was man will…“
„Wenn ich 53 Minuten übrighätte“, sagte der kleine Prinz, „würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen…“

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