Ein Brief aus Kreta

Den eigenen, ganz persönlichen Weg zu finden, darum ging es im Kreta-Seminar 2020!

Trotz der vielen Einschränkungen, die uns dieses Jahr durch Covid-19 beschert wurden, und mit all den daraus gewonnenen Einsichten im Gepäck – auch in diesem Jahr kamen 15 entschiedene „Fährtensucher“ im Seminarzentrum an der Südküste Kretas an.
Interessiert an einer gemeinsamen Reise, während derer wir unterschiedliche Wege miteinander gegangen sind – sprichwörtlich und auch im geistigen und spirituellen Sinn.

Die spannendste Frage direkt am Anfang:
Welcher Weg ist für mich „der richtige Weg ?“

Der richtige Weg, würden Seefahrer sagen, ist derjenige, der in die Richtung führt, die der Kompass anzeigt.

Die bessere Frage lautet also:
„Was hast du vor? … Welchen Sinn hat dein Leben?“

Diese Frage aufrichtig zu beantworten ist der erste Schritt, um den Kompass für deine „Lebens“-Reise zu finden.
Und es gibt eben nicht nur den EINEN richtigen Weg, genauso, wie auch nicht nur ein Weg nach Norden führt.

Einige meiner Wegbegleiter, auf meiner Reise zu mir, haben mich gelehrt, dass es viele Möglichkeiten gibt, unendlich viele Routen, tausende von Optionen, dutzende Wege, die alle in die richtige Richtung führen.
Es gibt aber einige Wege, die immer Teil unserer Route sein sollten:

– Wege, denen wir nicht ausweichen können
– Wege, die wir gehen müssen, um weiterzukommen
– Wege, auf denen wir lernen, was wir wissen sollten, um das letzte Wegstück zu erreichen

Diesen unerlässlichen Wegen sind wir in den 11 Tagen des Seminars auf Kreta ein Stück gefolgt.

1. DER WEG ZU EINEM SELBSTBESTIMMTEN LEBEN, in dem ICH die Hauptperson in meiner Geschichte bin.

Denn darum geht es:
„Es geht darum, DU SELBST zu sein“

Wirklich zu leben bedeutet, alle Identitäten hinter dir zu lassen, die du für andere angenommen hast; alle Rollen aufzugeben, die du spielst, um zu einer bestimmten Gruppe Menschen zu gehören; und das zur Entfaltung zu bringen, was wir „das wahre ICH“ nennen.
Ich rede hier von einem ganz bestimmten, erstrebenswerten Heldentum:
„dem Mut, immer bei dir zu bleiben“

Ein Lebensweg, auf dem ICH die Verantwortung für mein Leben übernehme, statt äußere Ereignisse oder andere Menschen für den Verlauf meines Leben verantwortlich zu machen.

2. DER WEG DER BEGEGNUNG, auf dem ich mich in der Gemeinschaft mit anderen selbst wieder entdecke.
Die Erkenntnis um die Kostbarkeit der zahlreichen und unterschiedlichsten „Spiegel“, in die ich schauen kann, um mich besser kennen zulernen.

Eingeschlossen in eine Gruppe von ehrlichen und mitfühlenden Menschen, und über zahlreichen Begegnungen untereinander, folgten wir einem Weg, der uns in eine tiefere Verbindung zu unserem Herz brachte – dem Weg zur Liebe.

3. Ein Weg, für den wir uns viel Zeit genommen haben, weil wir ihn im Alltag so gerne vermeiden, ist DER WEG DER VERLUSTE UND DER TRAUER.

Unser Leiden ist universell, sagt Buddha, aber es hat eine einzige Wurzel:
unsere Wünsche, Sehnsüchte und Erwartungen: unser Verlangen.

Dieses in unser Bewusstsein zu bringen und zu lernen, dem mächtigen Drang zu entsagen, dass Dinge anders zu sein hätten, als sie sind, ist der Ausweg aus unserem Schmerz.
Für uns im Westen scheint es aber fast unmöglich zu sein, keine Wünsche zu haben. Was wir aber lernen können ist, unseren Wünschen zu folgen und sie dann wieder loszulassen; etwas zu wollen, ohne daran festzuklammern, als hinge unser Leben davon ab: wir können das Loslassen üben und so unser Leiden über Bewusstheit verringern.
Und wir können uns den Verlusten in unserem Leben auch noch von einem anderen Standpunkt annähern:

Nachdem wir um einen Verlust geweint, um eine Abwesenheit getrauert und uns entschlossen haben, loszulassen, begegnen wir einem ICH, das bereichert ist um das, was es nicht mehr hat, aber einmal besaß, und gleichzeitig auch bereichert ist um das, in diesem Prozess, Erlebte.

Wir verabschieden jeden Abend einen Tag unseres Lebens und erwachen jeden Morgen bereichert um diesen vergangenen Tag.

4. DEN WEG DER VOLLENDUNG UND DER SINNSUCHE – DEN WEG DES GLÜCKS, sind wir in den letzten Tagen unseres Seminars gegangen.
Hier schliesst sich der Kreis zum 1. Weg

(nochmal zu „unserem Seefahrer“):
Das Ziel ist der Ankunftspunkt, der Weg ist die Strecke, die ich verfolge, die Ausrichtung ist die Himmelsrichtung.

Sobald ich den Unterschied zwischen Richtung und Ziel begriffen habe, erkenne ich, wie wichtig die Frage ist:

„WOZU lebst du?“

Wer also die Verantwortung für seinen eigenen Weg übernimmt, muss die „Sinnfrage“ für sich selbst und ganz alleine klären, um dann zu entscheiden, wie er den Weg in die gewählte Richtung befährt.

Denn ohne Richtung gibt es keinen Weg !
Ohne die Frage nach dem Sinn, kein erfülltes Leben!

In den gemeinsamen „Kreta-Tagen“ haben wir uns aber nicht nur mental und im Gruppenraum mit diesen Fragestellungen beschäftigt.

Antworten haben wir auch gesucht und gefunden:

– in kleinen „Naturritualen“ inmitten der herrlichen Natur der Insel, in denen wir uns ganz alleine zur inneren Klärung, spezielle Fragen und Aufgaben gestellt haben

– in zahlreichen gemeinsamen Morgen- und Abendmeditationen unter freiem Himmel

– bei einer gemeinsamen Wanderung durch eine Schlucht zum Meer, bei der es stark auf die Gemeinschaft und das Miteinander ankam, um unten anzukommen ( und während der nicht zuletzt auch ein freiwilliges, gemeinschaftliches Commitment zu einer unbequemen Fragestellung gefunden wurde ? )

– während einer wunderbaren, spontanen Vollmond-Abendmeditation auf der Sanddüne über dem Meer

– auf einer Bootstour an einen einsamen Strand (den wir uns erst „erobern“ mussten),
einem gemeinsamen Picknick und spannenden Zwie-Gesprächen

– sehr früh am Morgen, oben auf einem Berg an einer kleinen Kapelle unter dem grandiosen Sternenhimmel und bei Sonnenaufgang – miteinander schweigend, staunend, meditierend (und zuletzt dann sogar „unter Geiern“)

– indem wir auch immer wieder „Frei-Zeiten“ nutzten, die uns schnell wieder in Kontakt mit unseren „Gewohnheitsmustern“ brachten, uns aber auch unsere kleinen und größeren Erfolge erkennen und feiern liessen

– bei allen leckeren, gemeinsamen Mahlzeiten an der (diesmal wirklich sehr langen) Tafel draußen unter dem Olivenbaum

– auch ganz am Ende unserer Reise beim gemeinsamen Basteln, um aus den Fundstücken der gegangenen Wege, jeder ein persönliches Schmuckstück herzustellen

Wir haben miteinander gelacht, geweint, getanzt, gefeiert und sind uns auf sehr ehrliche und herzverbundene Weise sehr nahe gekommen.

Ich hoffe, die Wege, die wir miteinander gegangen sind, waren eine Unterstützung für alle,die, genau wie ich, auch immer mal wieder vom Weg abkommen.

Sie können eine Art „Landkarte“ sein, aber das Gelände muss jeder für sich selbst erforschen und durch eigene Erfahrungen und Fehler immer wieder neu entdecken.

„Nur so gelangen wir zum Gipfel.
Hoffentlich begegnen wir uns dort.
Das würde bedeuten,
dass du dort angekommen bist.
Und es würde bedeuten,
dass auch ich es geschafft habe…“

J. BUCAY

Herzlichst,
Brigitte

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